Eine mexikanische Geschichte: Warum ein bisschen „loco“ glücklich macht

Casa 12 in Cuautlancingo, México

Eine kurze Geschichte über die Gründe, die mich nach Mexiko bewegten und mich zum stolzen Einwohner Cuautlancingos im Bundesstaat Puebla machten.

Ab August wird man mich wieder für einige Wochen in meiner zweiten Heimat Mexiko antreffen. Häufig bin ich schon gefragt worden, was mich nach Mexiko bewegt und warum ich ausgerechnet in einer Provinz namens Cuautlancingo am Fuße des Popocatépetls in Zentralmexiko gelandet bin. Ich will einmal versuchen, die Gründe in einigen Sätzen zu erklären.

Am Anfang war der Strand

Angefangen hat alles im Jahre 2008. Nach zahlreichen Jahren, in denen ich meine Jahresurlaube auf den Kanaren verbracht hatte, war es Zeit für einen Wechsel. Mich hatte es damals einfach gereizt, ein neues Ziel in der Ferne zu entdecken. Durch Bekannte bekam ich den Tipp, einfach mal nach Mexiko zu gehen. Der Ort Cancún soll traumhaft schöne Strände mit türkisblauem Ozean bieten. Spontan hatte ich also eine dreiwöchige Pauschalreise mit All-Inklusive-Hotel direkt an der Zona Hoteléra in Cancún gebucht. Dort angekommen, musste ich feststellen, dass der Tipp meiner Bekannten nicht übertrieben und dies ein Ort war, an dem man es gut die Ferienwochen aushalten könnte. Allerdings bin ich nicht die Person, die 3 Wochen nur am Strand verbringen will. Ich hatte das Verlangen, mehr in dem Land kennenzulernen, zumal Cancún größtenteils touristisch ist und die Gegend zumindest an der Hotel-/Strandzone eine künstliche Kulisse ist, die mit dem eigentlichen Land relativ wenig zu tun hat. Also hatte ich spontan einen Inlandsflug für 3 Tage direkt zur Hauptstadt Mexiko-Stadt gebucht. Zum ersten Mal allein in einer 30-Millionen-Metropole zu stehen, war ein Erlebnis, das ich kaum beschreiben kann. Aufgrund meiner damals zwar noch recht bescheidenen Spanischkenntnisse war es mir aber möglich, mich mit einigen Leuten zu unterhalten. Und das war sozusagen der Beginn von allem. Die Mexikaner, wie ich sie kennen lernte, waren völlig fasziniert, einen Europäer, dazu noch einen aus „Alemania“ kennenzulernen, der dazu noch etwas Spanisch sprach. Und so ist schrittweise aus einer kurzen Bekanntschaft inzwischen ein ständig wachsender und nicht mehr wegzudenkender Freundeskreis entstanden. Aus Insiderkreisen lernte ich mehr und mehr über das Land und die Leute kennen. Und genau diese Art, wie mir die Menschen dort begegneten, war der Grund dafür, dass ich in den Folgejahren zum wiederholten Male das Land bereiste.

Zukunftspläne

Irgendwann hatte mich dann der Gedankte geplagt, in der Zukunft evtl. ein kleines Häuschen in Mexiko zu kaufen, um dort vielleicht eines Tages den Ruhestand verbringen zu können. Mich hatte zunächst interessiert, ob es generell möglich ist, als Europäer überhaupt Immobilien in Mexiko erwerben zu können. Also hatte ich im Internet recherchiert und dabei festgestellt, dass es relativ einfach ist, im Landesinneren Grundstücke bzw. Häuser als Ausländer zu kaufen, wenn diese nicht in der sogenannten „zona restringida“ liegen. Diese Zone ist von der mexikanischen Regierung so definiert, dass für Ausländer die Lage des zu erwerbenden Grundstückes/Immobilie einen Abstand von mind. 100 km zur Landesgrenze sowie ein Mindestabstand von 50 km zur Küste eingehalten werden muss. Alles andere sollte kein Problem darstellen; auch die zum Kaufvertrag erforderlichen Dokumente sollten normalerweise unproblematisch zu organisieren sein. Die Preise für Grundstücke bzw. Immobilien im Landesinneren hatten mich damals erst richtig dazu animiert, mich schlau zu machen.

Der Zufall hat entschieden

„Casa Rodolfo“ in Cuautlancingo

Irgendwann in Deutschland, als ich mich mit meinem geschätzten Arbeitskollegen Wilfried Mödinger unterhielt, fiel durch Zufall auch das Wort „Mexiko“. Und dabei hatte ich meine Idee mit dem eigenen Häuschen verplappert. Wilfried war von der Idee allerdings äußerst begeistert und hatte für mich gleich einen Joker auf Lager. Er kannte nämlich einen Freund aus Deutschland, der bereits seit über 20 Jahren als Professor in Mexiko arbeitete und dort seither lebt. Sein Name ist Rolf Seul und er war einmal in unserer Hochschule als Gastdozent zu Besuch, von daher kannten sich die beiden und hatten sich auch schon in Mexiko getroffen. Und wenn nicht Rolf Seul, wer sonst könnte mir bei meinen Fragen weiterhelfen? Also hatten wir spontan eine Skypekonferenz mit Rolf organisiert und ihm einige Fragen gestellt, welche Regeln man beachten müsse und welche Unterlagen notwendig sind. Rolf hatte die Angelegenheit damals gleich recht locker gesehen und gesagt: „Bei mir in der Nachbarschaft werden derzeit neue Häuser gebaut. Ich kenne den Architekten und frage ihn, ob er noch ein Haus für Dich verfügbar hat!“. So schnell kann es gehen. Das war der damals wichtigste Schritt bei der Realisierung meines Vorhabens. Rolf kontaktierte den Architekten, der sich wiederum mit mir in Verbindung setzte. Aus der reinen Neugier wurde letztendlich ein Kaufvertrag innerhalb kürzester Zeit unterschrieben. Per Fedex wurden die Vertragsdokumente innerhalb von 2 Tagen von und nach Übersee geschickt. Daraufhin wurde ein Notartermin vor Ort vereinbart und ich machte mich also im Juni 2011 auf den Weg nach Puebla, um die benötigten Dokumente, Unterschriften, Stempel und Bestätigungen der Behörden zu organisieren, die ich bei meinem Notartermin vorweisen musste. Innerhalb einer Woche hatte ich dann die Arbeit auf mich genommen und mit Hilfe von Bekannten und Freunden dort vor Ort die geschäftlichen Notwendigkeiten erledigt. Ein ganz besonderes Dankeschön geht ganz klar an Rolf Seul und Fabian Beristain, die täglich ihren vollen Einsatz zeigten, um mich bei der Organisation der Dokumente und bei den Behördengängen zu unterstützen.

Die mexikanischen Behörden waren leider nicht immer sehr gewillt, aussagekräftige Informationen darüber zu erteilen, welche Dokumente noch fehlen. Immer wieder musste ich in den entsprechenden oficinas erscheinen, um nach langer Wartezeit hinter Menschenschlagen dann zu erfahren, dass immer noch eine Kopie von diesen oder jenen Unterlagen fehle. Aber alles hat mal sein Ende, und so schaffte ich es gerade noch pünktlich vor dem Notartermin, die Zulassung der Behörden für den Immobilienerwerb zu erhalten. Denn ohne Zulassung kein Notartermin, ohne Notartermin kein gültiger Kaufvertrag. Alles hätte von vorne beginnen müssen. Aber so war ich letztendlich nach einer Woche harter Organisationsarbeit und exzellenter Unterstützung durch Rolf und Fabian glücklicher Besitzer eines neuen Reihenhauses in Mexiko. Schlüsselübergabe war übrigens 5 Stunden vor meiner Rückfahrt zum Flughafen Mexiko-Stadt.

Warum im Landesinneren und nicht am Strand?

Wer „Mexiko“ hört, denkt gleich an Strand mit Palmen und Mariachis. Warum aber habe ich mich für das Landesinnere entschieden? Dafür gibt es einfache, aber einleuchtende Gründe. Wie oben bereits erwähnt, ist es für Ausländer nicht ohne weiteres möglich, in Mexiko an Küstennähe Grund zu erwerben. Ebenso sind die Immobilienpreise an diversen Küstenregionen um Welten teurer als im Landesinneren. Zum anderen hat es sich durch die Bekanntschaft von Rolf Seul und Fabian Beristain, die eben in Puebla leben, so ergeben, dass mich die beiden vor Ort in perfekt bei allem rund ums Eigenheim unterstützen konnten und das übrigens auch heute noch machen. Aber darüber hinaus gibt es noch weitere entscheidende Vorteile in dieser Gegend:

Puebla liegt auf dem 19. Breitengrad, aber dafür auf über 2000 Metern Höhe. Dadurch ist das Klima das ganze Jahr durchgehend angenehm warm und trocken. Sobald morgens die Sonne scheint, steigen die Temperaturen rasch auf angenehme 23 bis 26 Grad. Nachts kühlt es rasch ab, man kann also sehr gut schlafen. Denn wer das feuchte Klima an Küstenregionen zu Hochsommertagen kennt, weiß, wie unangenehm es ist, bei Hoher Luftfeuchtigkeit Spitzentemperaturen von 40 Grad und mehr, das Ganze noch ohne Klimaanlage zu haben. In Puebla hingegen benötigt man weder Klimaanlage noch Heizung. Für mich ist das auch ein kostentechnischer Aspekt. Ich persönlich finde das Klima daher nahezu ideal.

Zum anderen lernt man in dieser Region das wahre Leben Mexikos kennen, fernab also vom Massentourismus und von künstlichen Kulissen, die den Besuchern eine Illusion des Landes vorgaukeln. Und wer einmal das wahre Leben im Landesinneren erleben durfte, der lernt die Art der Lebensweise in der Regel zu lieben. Landschaftlich bietet die Region außerdem zahlreiche interessante Sehenswürdigkeiten. Eine davon ist der ca. 40 km entfernte aktive Vulkan Popocatépetl, dessen Anblick vor allem in den Morgen- sowie Abendstunden unbeschreiblich schön ist.

Zócalo Puebla

Zócalo Puebla

Wenn das Verlangen nach Meer und Strand überwiegt, dann ist man von Puebla mit dem Bus oder Auto in knappen 4 Stunden am Golf von Mexiko. Dort gibt es zahlreiche ruhige unberührte Strände. Ein Tipp von mir: Die Region um Catemaco, Veracrúz. Das liegt inmitten des mexikanischen Regenwalds. Die Vegetation ist einmalig, die Idylle der dortigen Dörfer unbeschreiblich wohltuend. Wem das nicht reicht, der setzt sich in ein Flugzeug und fliegt vom Puebla International Airport in knappen 2 Stunden nach Cancún.

Die Stadt Puebla selbst bietet eine interessante farblich ausgeprägte Altstadt mit zahlreichen Museen, kulturellen Einrichtungen, Märkten und Restaurants. Der „zócalo“, wie der Zentralplatz zwischen Regierungspalast und Kirche in Mexiko genannt wird, ist der Treffpunkt für Jung und Alt. Einer meiner Lieblingsorte ist dort die Terrassenbar „El jarro sin fondo„, die sich im oberen Geschoss des Restaurants „Viejo Pueblito“ befindet. Von dort hat man direkten Blick auf das Treiben des zócalos. Zahlreiche Cocktails, Snacks und Biere sind dort zu für uns Europäer sehr günstigen Preisen erhältlich.

5 Jahre, die ich keinen Moment bereut habe

Inzwischen sind es 5 Jahre, in denen ich die Semesterferien regelmäßig dort verbringe. Und klar: Für den Preis, was so ein Häuschen auch in Lateinamerika kostet, könnte man sicher viele Urlaube weltweit in guten Hotels verbringen. Aber die Tatsache allein, dort Teil einer Gesellschaft mit völlig fremder Kultur sein zu dürfen und mexikanische Nachbarn als Freunde zu haben, die Teil des eigenen Lebens geworden sind, ist etwas völlig anderes, für das man die Kosten gerne in Kauf nimmt. Auch wenn ich zugeben muss: Ein bisschen „loco“ muss man schon sein, um solche Spontanideen umzusetzen. Aber ich freue mich, das alles erreicht zu haben. Zukunftspläne sehen so aus, dass ich meinen Ruhestand rechtzeitig angehen werde, um dann zumindest den größten Teil des Jahres dort verbringen zu können. Und bis es soweit ist, bin ich weiterhin ein bisschen stolz darauf, „temporärer“ Einwohner Cuautlancingos sein zu dürfen.

Viva México!