Der schlechte Ruf der Multikopter: Berechtigt oder Jammern auf hohem Niveau?

Einspannhalterung für Mobilteil

Der Boom der Multikopter sorgt immer häufiger für negative Kritik. Dabei wären viele negativen Äußerungen unter Beachtung bestimmter Regeln überflüssig.

Aus gegebenem Anlass möchte ich mir die Zeit nehmen, mich in einigen Zeilen zum Thema „Multikopter“ und dem häufig damit verbundenen Ärger zu äußern. Seit einigen Wochen bin ich nämlich begeisterter Besitzer des Drohnenmodells DJI Phantom 3. Und die zahlreichen negativen Äußerungen, die ich seit meinem ersten Start von Passanten, Bekannten und über Facebook zu hören bekam, stößt bei mir zum einen auf Unverständnis, zum anderen aber ist es auch kein Wunder, dass diese Fluggeräte aufgrund falschen Einsatzes einen solch schlechten Ruf teilweise bekommen.

Seit nahezu 30 Jahren bin ich begeisterter Modellflieger und habe das Fliegen sowohl mit Flächenmodellen als auch Helikoptern noch zu Zeiten erlernt, zu denen elektronische Komponenten wie Flight Controller, GPS etc. noch nicht einmal denkbar waren. Damals war es so, dass man sich vor dem Kauf eines Flugmodells ganz einfach mit erfahrenen Personen, am besten aus dem Verein, zusammentraf. Man lernte zusammen das Bauen der Modelle, und vor allem: Man lernte gemeinsam das Fliegen auf geeigneten Modellflugplätzen in ausreichender Höhe, damit im Fall des Kontrollverlustes der erfahrene Trainer nebenan jederzeit das Steuer übernehmen konnte. Flug um Flug eignete man sich ein Stück mehr Können an und das Vertrauen in die Fluggeräte wurde nach jeder geglückten Landung hinzugewonnen, bei Bruchlandungen oder Abstürzen aber auch wieder verloren. Und es dauerte einfach Monate, bis man die eigene Flugkunst als geübt und sicher einschätzen konnte.

Heute läuft es häufig anders: Per Knopfdruck über Onlineshops kann man die sogenannten „RTF“-Modelle, sprich „Ready To Fly“ heute ordern, morgen auspacken und – völlig ohne Vorkenntnisse – los fliegen. So zumindest steht es in den Websites diverser Anbieter. Und gerade bei Multikoptern wird einem aufgrund der computergesteuerten Flugtechnik auch sehr leicht der Eindruck vorgegaukelt, dass dem so ist. Doch in der Realität sieht die Lage völlig anders aus. Zwar lassen sich vor allem die etwas teuren Multikopter (DJI Phantom etc.) relativ stabil in der Luft halten. Das aber funktioniert nur, wenn man die Stabilisierung über Satellitentechnik nutzt, welche die Position des Kopters selbst bei böigem Wetter noch sicher in der Luft halten. Allerdings sollte man sich auf eine 100%ige GPS-Funktion niemals verlassen. Jeder kennt das Problem, dass bei Navigationssystemen manchmal keine Satelliten erreichbar sind oder kurzfristig das System fehlerhaft reagiert. Trifft diese Situation beim Flug des Kopters ein, so haben ungeübte Anfänger ohne Heli-Flugerfahrung nahezu keine Chance, das Fluggerät selbständig wieder zurückzuführen, geschweige dann zu landen. Dies führt häufig dazu, dass die Kopter aus der Sichtweite des Piloten fliegen und irgendwo gegen ein Hindernis prallen und im schlimmsten Fall sogar Personen verletzen oder weitere Unfälle verursachen.

First Person View – Verdammt coole Technik, aber illegal

Inzwischen bereits Standard vor allem bei Fluggeräten oberhalb 700 Euro sind Bildübertragungen in Echtzeit zwischen Kopter und Piloten. Der Steuernde sieht direkt aus der Sicht des Kopters, empfängt also das übertragene Bild auf seinem Smartphone oder Tablet. Das verleitet natürlich gerne dazu, das Fluggerät in Regionen zu steuern, die bereits außerhalb der Sichtweite des Piloten liegen, zumal die Rechweite des Sendesignals zwischen Fernsteuerung und Fluggerät bei Koptern wie z. B. DJI Phantom 4 inzwischen bei rund 5 Kilometern liegen. Somit wird häufig das Fluggerät über Ortschaften oder Städte gesteuert und sich auf die Technik verlassen, dass im Notfall beim Verlieren der Verbindung zwischen Fernsteuerung und Fluggerät der Kopter auch automatisch zu seinem Startpunkt zurückkehrt. Das macht er in aller Regel auch, aber auch hier sind die Gefahrenquellen wie Hindernisse auf dem Rückflug, zu geringe Akkuleistung etc. nicht zu unterschätzen. Deshalb ist es in Deutschland auch nicht erlaubt, die Kopter außerhalb der Sichtweite zu steuern. Und trotzdem wird es immer wieder versucht, zum Ärger der Betroffenen, denen im günstigsten Fall die Drohne beim technischen Versagen einfach in den Garten stürzt, im schlimmsten Fall aber eine Massenkarambolage auf der Autobahn auslöst.

Der kontrollierte Luftraum – Ein Fremdwort für Newbees

Nach dem Motto „Hoch, höher, am höchsten“ lässt man doch gerne mal seinen Multikopter an seine Grenzen steigen. Und diese sind in der Regel software- bzw. firmwaretechnisch begrenzt, weit bevor sie an ihre aerodynamischen Grenzen stoßen. Bei der Phantom 3 oder 4 beispielsweise ist eine maximale Höhe von 500 Metern einprogrammiert. Und trotzdem sind inzwischen sog. „Hacks“, also firmwaretechnische Eigenanpassungen im Internet im Umlauf, die diese Grenze deaktiveren. Wozu das Ganze? Die Kopter sind bereits bei vorgegebener Richtlinie von max. 100 Metern Höhe mit dem Auge kaum mehr zu erkennen. Bei 500 Metern Höhe ist das Fliegen nur noch über die eingebaute Kamera möglich. Wer aber meint, diese Grenze mit illegalen Hacks noch toppen zu müssen, bewegt sich rasch in den kontrollierten Luftraum. Dieser beginnt in der Nähe von Flughäfen bei 518 Metern. Aus aerodynamischer Sicht würde die Phantom 4 sogar bis auf knappe 6000 Meter steigen können. Was es bedeuten kann, wenn ein Multikopter in die Flugbahn eines Passagierflugzeugs gerät, kann sich wohl selbst ein Laie vorstellen. Auch wenn es nicht unbedingt zu einer Kollission mit dem Flugverkehr kommen sollte, so kann aber durch solche Hacks niemals ausgeschlossen werden, dass die Software des Flight Controllers nicht mehr verlässlich funktioniert. Erst kürzlich habe ich einen Bericht über einen Absturz eines Kopters gelesen, dessen Software gehackt wurde. Der Hack hat die Starthöhe einfach auf einen Negativwert von -1000 Metern gesetzt. Dadurch wurde dem Flight Controller vorgegaukelt, dass die maximal zulässige Höhe von 500 Metern über Grund noch nicht erreicht wurde. Der Pilot hatte sich zunächst wohl gefreut, den Kopter auf unvorstellbare 1500 Metern steigen zu lassen. Beim Sinkflug wurden dann aber wohl bei 1000 Metern Höhe über Grund die Motoren ausgeschaltet, weil die Software des Flight Controllers dachte, auf 0 Metern, also gelandet, zu sein. Was passierte dann? Die Drohne fiel wie ein Stein vom Himmel. Deshalb: Finger weg von Hacks! Diese sind meines Erachtens lediglich ein Indiz für die Dummheit des Piloten.

„Ein bisschen Privatspähre ist ja gut, aber ein bisschen spannen ist spannender!“

Vom eigenen Garten die Drohne starten, um in der Nachbarschaft fotografieren zu können, was dort gegrillt wird, mag ja unter guten Nachbarn vielleicht ein gelungener Gag sein. Nachdem sich aber zahlreiche Hausbesitzer in Google Street View bereits ihr Anwesen verpixeln ließen, deutet alles darauf hin, dass für die Deutschen das sog. „Persönlichkeitsrecht“ inzwischen sehr ausgeprägt wahrgenommen wird. Und wenn es in einigen Fällen vielleicht auch lächerlich klingen mag, so hat man dieses Recht grundsätzlich zu respektieren. Bei der Veröffentlichung privater Luftaufnahmen kommt man somit sehr schnell an die Grenze der Legalität. Sobald sich nämlich auf den Fotos Gesichter von Personen erkennen lassen, so sind diese Personen vor Veröffentlichung der Fotos um Erlaubnis zu fragen. Um auf Sicherheit zu gehen, gilt generell, dass nur das veröffentlicht werden darf, was man auch von der Straße aus sieht. Und somit erübrigen sich die meisten Fragen bezüglich der Veröffentlichung von Luftbildern aus dem eigenen Wohngebiet.

„Naja, wenns schief geht, zahlt ja meine Haftpflichtversicherung!“

Vor der Inbetriebnahme seines Multikopters ist auf jeden Fall zu klären, ob die persönliche Haftpflichtversicherung Schäden, die durch eine Kameradrohne verursacht werden, abdeckt. In der Regel tut sie es nämlich nicht! Es gibt inzwischen bei immer zahlreicheren großen Versicherungsunternehmen Zusatzhaftpflichtversicherungen, die solche Schäden abdecken. Auch Modellflugverbände bieten diesen Zusatzversicherungsschutz seit vielen Jahren an. Aber auch hier ist Vorsicht geboten. Auch bei Zusatzversicherungen ist grundsätzlich vorausgesetzt, dass die oben beschriebenen Regeln beim Betrieb eingehalten werden. Wer also meint, seine Drohne über einer Autobahn schweben zu lassen, der bewegt sich rasch in den Bereich der groben Fahrlässigkeit, was den Versicherungsschutz dann wackelig werden lässt. Bei jedem Flug sollte also der gesunde Menschenverstand eingesetzt werden. Nur dann kann man verhindern, dass man im schlimmsten Fall in den finanziellen Ruin getrieben wird oder ggf. sogar hinter Gittern landet.

Die Frage der Aufstiegsgenehmigung

Ich möchte hier nur sehr kurz das eigentlich sehr komplexe Thema „Aufstiegsgenehmigung“ erwähnen. In einfachen Worten: Wer privat in Form von Hobby und Sport fliegt, benötigt keine Aufstiegsgenehmigung. Auch dann nicht, wenn unter Beachtung der Persönlichkeits- und Urheberrechte Luftaufnahmen erstellt und auf der privaten Website veröffentlicht werden. Wer jedoch diese Aufnahmen kommerziell vertreibt, benötigt eine Aufstiegsgenehmigung. Auch dann, wenn er die Aufnahmen an ein Unternehmen verschenkt. Wer also darüber nachdenkt, hin und wieder einige Euros zu verdienen, indem man Luftaufnahmen von Firmengebäuden verkauft, der sollte sich ganz gründlich die Richtlinien des Luftfahrtbundesamtes zu Aufstiegsgenehmigungen durchlesen. Es wird dann – abhängig vom Einsatzgebiet – noch zwischen Allgemein- und individueller Aufstiegsgenehmigung unterschieden. Die anfallenden Kosten und der Verwaltungsaufwand lassen dann doch sehr schnell die Pläne zur Vermarktung von Luftaufnahmen wieder in der Schublade verschwinden.

Nachtrag vom Oktober 2016: Seit August 2016 haben sich die Richtlinien zur Aufstiegsgenehmigung in Baden-Württemberg wesentlich vereinfacht. In Kürze werde ich einige Infos dazu berichten. Wer vorab Infos möchte, kann diese beim Regierungspräsidium Stuttgart unter folgendem Link abrufen:
https://rp.baden-wuerttemberg.de/rps/Abt4/Seiten/aktuellemeldung.aspx?rid=97

Und zuletzt noch meine persönliche Meinung

Ich bin davon überzeugt, dass sich der unkontrollierte Kopterboom noch eine Weile hält, dann aber aufgrund der oben genannten Probleme zwangsweise zu gesetzlichen Verschärfungen führen wird. Dann aber leiden diejenigen darunter, die das Hobby des Modellflugs schon lange Zeit vernünftig betreiben. Ich wäre sofort für die Einführung eines Führerscheins für Multikopter. Dieser sollte unter anderem die Praxis des Fliegens beinhalten, zum anderen die theoretischen Punkte wie z. B. Inhalte des Luftfahrtrechts, Persönlichkeits- und Urheberrecht, Gefahrenquellen etc., denn nur, wer sich im Klaren darüber ist, was man da eigentlich durch die Luft steuert und welche Gefahrenpotentiale dahinter stecken, dürfte entsprechende Sorgfalt walten lassen. Und nur dann lässt sich verhindern, dass uns Modellfliegern der Ruf von einem wirklich sehr schönen Hobby nicht durch den Dreck gezogen wird.

Zusammengefasst meine Bitte zur Beachtung folgender Punkte an diejenigen, die sich in Kürze einen Multikopter anschaffen wollen:

  • Keine Anschaffung im Alleingang. Sucht Euch Personen, die Euch beraten.
  • Keine Flüge ohne vorheriges Helikoptertraining
  • Kein Start ohne Zusatzhaftpflichtversicherung
  • Respektiere die Persönlichkeits- und Urheberrechte
  • Keine reinen FPV-Flüge. Fluggerät stets in Sichtweite halten.
  • Keine Flüge über
    • Menschenansammlungen
    • Autobahnen
    • Naturschutzgebieten
    • Firmengebäuden
    • Kraftwerken
    • Katastrophengebieten
  • Keine Flüge im kontrollierten Luftraum
  • Verwende keine Firmware Hacks

Beachtet man diese Punkte, dann sollten sich auch zukünftig die Kritiken Fremder überschaubar halten und uns Modellfliegern die Freude am Hobby erhalten bleiben.

Und hier noch am Rande: Eine sehr gute Website, die das Ende des Modellflugs in der jetzigen Form befürchtet, ist www.pro-modellflug.de.
Die Seite befasst sich speziell mit den geplanten Gesetzesverschärfungen und ruft Modellflieger in einer Petition auf, gegen diese Verschärfungen zu stimmen. Wenn auch Du verhindern willst, dass im schlimmsten Fall das Hobby vor dem Aus steht, dann stimme in der Petition ab. Herzlichen Dank!